SaaSpocalypse: vielleicht eine Chance für kleine Software Studios

KI wird Entwickler vielleicht nicht ersetzen, aber sie könnte kleinen Teams einen echten Vorteil verschaffen.
Eine Roboterhand bewegt eine Schachfigur auf einem Schachbrett, dargestellt in einem gemalten, warmen Rot- und Brauntönen.

Meine Podcast-App ist derzeit voll von Beiträgen über die Frage, ob Softwareentwickler:innen künftig durch künstliche Intelligenz ersetzt werden könnten. Nicht nur Fachmedien beschäftigen sich in zahlreichen Artikeln mit diesem Thema, sondern auch in den breiten Medien wird die Frage gestellt, ob Softwareentwickler:innen, wie wir sie heute kennen, in Zukunft überhaupt noch gebraucht werden.

Kein Zurück mehr

Meine Arbeitswelt veränderte sich allein in den letzten Monaten durch den Einsatz von KI-Tools so rasant, dass ich mir keine Zukunft ohne KI-Assistenz in der Branche vorstellen kann. Meine Arbeit wird sich dadurch komplett verändern oder vielleicht ist das sogar schon passiert. 

Wenn ich mit Kolleg:innen rede, geht die Sorge um, dass das Agentursterben, welches man im letzten Jahr beobachten konnte, so weitergehen wird. Doch dieser Trend ist nicht nur bei KMUs zu erkennen: Auch Aktienkurse der Konzerne, die weltweit Software as a service (SaaS) Lösungen anbieten, gehen tendenziell nach unten und hat zur Folge, dass einst erfolgreiche Geschäftsmodelle angepasst werden müssen.

Die Frage, die sich technische Einkäufer:innen stellen: 

Warum sollte ich laufend Lizenzen für eine Software bezahlen, die ich mir mit einer einmaligen Investition auch selbst entwickeln lassen kann? Natürlich braucht eine große und umfangreiche Anwendung sehr viel Zeit um auszureifen. Viele ihrer Features werden in der Praxis aber gar nicht genutzt. Gleichzeitig fehlt oft die Möglichkeit, die Software an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. In manchen Bereichen ist es daher eine durchaus realistische und wirtschaftlich rentablere Entscheidung, die Software mit Hilfe von KI-Tools schnell und kostengünstig umzusetzen.

Schlechte Nachrichten oder eine Chance?

Während das für große SaaS-Anbieter eine schlechte Nachricht sein könnte, wäre es für kleinere Entwicklerstudios aber durchaus eine Chance für ein neues Business Modell. Wir können mit begrenzten Ressourcen natürlich keine riesigen Software-Suites „from scratch“ nachbauen, es ist aber mit Unterstützung von Coding Agents durchaus möglich, die zehn relevanten Funktionen, die ein Kunde von dieser riesigen Anwendung nutzt, nachzubauen.

Das Ganze ließe sich kostengünstig mit Hilfe von KI-Tools von kleinen Teams oder sogar von Einzelpersonen realisieren und als eigenständiges Produkt vertreiben. 

In diesem Szenario würden nicht alle Programmierer von AI abgelöst werden. Vielmehr wären KI-Tools in diesem Szenario ein „Enabler“ für kleine Teams um konkurrenzfähig mit Unternehmen zu werden, für die früher 100 Mitarbeiter:innen nötig waren. 

Ein befreundeter Unternehmensberater hat die Situation so zusammengefasst: “In fünf Jahren brauche ich nicht mehr fünf, sondern nur mehr zwei gute Mitarbeiter:innen, die sich in allen Bereichen auskennen. Damit erreichen wir wahrscheinlich den gleichen Output wie heute."

Diese Einschätzung teile ich und glaube, dass sie auf sehr viele Bereiche der Wissensarbeit übertragbar ist. 

Und was bedeutet das für Einsteiger:innen?

Heutzutage wachsen Unternehmen auch ohne Einstellung zusätzlicher Mitarbeitenden – eben durch die wachsende Marktdurchdringung von KI-Lösungen. Auch in der IT-Branche werden zunehmend Einsteiger:innen-Jobs durch KI ersetzt. Auf dem Arbeitsmarkt kann man jedenfalls eine gesteigerte Nachfrage von erfahrenen Allrounder:innen beobachten. Es bleibt offen, wie man künftig mit gut ausgebildeten Berufseinsteiger:innen umgeht und was die gegenwärtige KI-Entwicklung für deren Karriere bedeutet. Aus meiner Expertise heraus bin ich überzeugt, dass gute kreative und individuelle Lösungen nur in diversen Teams – jung/alt, Geschlechtsidentitäten, Herkunft ... – entstehen, welche KI auch kritisch zu nutzen wissen.

Fazit:

Die aktuelle Entwicklung muss also nicht bedeuten, dass KI sämtliche Entwickler:innen ersetzt. Vielmehr kann sie, bei richtiger Nutzung, ein Produktivitätsschub sein und auch kleinen Teams sowie einzelnen Entwickler:innen ermöglichen, deutlich größere und umfangreichere Anwendungen zu entwickeln. Egal ob KMU oder Konzern – jede:r Anbieter:in wird die notwendige Flexibilität entwickeln müssen, um beim rasanten Fortschreiten der digitalen Automatisierung nicht abgehängt zu werden.